Vorgestern (Dienstag) bin ich aus Rio wiedergekommen. Wir hatten am Montag keine Uni, weil der Feiertag "der Angestellten des öffentlichen Dienstes" war - in Brasilien wird dieses Ereignis übrigens auch ab und zu mit "die machen doch eh nichts!" kommentiert :)
Ich bin mir im Übrigen auch gar nicht sicher, ob die ganzen Putzfrauen, Gärtner und Müllwegräumer in öffentlichen Einrichtungen da wirklich frei bekommen...
Wie dem auch sei, ich bin letzte Woche Donnerstag um 00:15 mit ein paar netten Leuten und mittlerweile Freunden, aus der Uni in den Nachtbus nach Rio gestiegen. Eigentlich war es gar kein Nachtbus, nur ein ganz normaler Reisebus, der nachts gefahren ist und deswegen leider keine Quasi-Liegesitze und Beinstützen hatte.
Ich habe trotzdem grandios bis morgens um 8:30, als wir im wolkenverhangenen Rio ankamen, geschlafen. Schon als ich kurz vor der Ankunft im Bus aufwachte, beschlicht mich das selbe Gefühl, das ich am Anfang in Sao Paulo oft hatte: Angst.
Ich meine, keine konkrete Angst, dass irgendwelche Drogendealer aus der Favela rauskommen und ich in die Schusslinie gerate oder so, sondern eher so ein subtiles Gefühl, dass ich permanent meine Tasche festhalten muss und alles um mich herum ich Blick behalte, damit mir auch ja keine suspekte Person zu Nahe kommt. Das triste grau des Busbahnhofes von Rio und die verfallen Häuser im Morgengrauen auf dem Weg dahin, taten ihr übriges.
Wir nahmen (vorsichtshalber!) ein Taxi zu unserem Hostel, bzw. mussten erstmal eins aus unserer Vorauswahl aussuchen. Dabei standen wir zu dritt kurz an einer Straßenecke irgendwo in Copacabana, als ein etwa 12-jähriger sehr schlimm aussehender Junge angetorkelt kam. Er bettelte irgendwelche Passanten an und wurde sogleich von zwei jungen Männern, die die ganze Zeit an der selben Straßenecke rumgehangen hatten und anscheinend den Bereich "bewachten", weggeschubst und von einem fertiggemacht, was so aussah, dass der ältere den kleinen anbrüllte: "Stirb doch, stirb doch, stirb doch! Aus dir wird doch eh nichts mehr, du Nichtsnutz!......"
Das war meine erschütternde Begrüßung in Rio.
Danach ging es kontinuierlich aufwärts. Wir fanden ein sehr nettes winziges Hostel in Ipanema (mit 3 3-stöckigen Hochbetten auf ca. 10m²) und konnten den Tag, der dann doch noch von wuderbarem Wetter begleitet wurde, mit einer Busfahrt zum Maracana-Stadion beginnen. Das soll zwar das größte Fußballstadion der Welt sein, aber es war dann eher spartanisch, aber sicher kriegen die Brasilianer das bis zur WM 2014 noch hin. In den Kabinen dort machte ich übrigens das erste mal, seit ich wieder in Brasilien bin, Bekanntschaft mit einer Kakerlake... die war das einzig wirklich beeindruckende (und große) im Stadion, wenn auch eher negativ.
Danach guckten wir noch das Stadtzentrum an, was sehr viel entspannter war, als das von Sao Paulo, welches zu jeder Tageszeit einem Hexenkessel gleicht, wo man wirklich IMMER Angst haben muss, dass die Tasche im nächsten Moment weg ist. Wie so ziemlich alles, was wir in Rio gesehen haben, war es auch dort sehr "flairig", nicht zuletzt wegen der antiken Häuser und natürlich der berüchtigten Lebensart der "Cariocas", die auf jeden Fall noch sehr viel entspannter sind, als die Menschen in Sampa!
Am zweiten Tag waren wir auf dem Zuckerhut und dem Corcovado (der andere tolle Berg, mit der Christusstatue oben drauf!). Was wir leider nicht wussten: Man kann auf dem Zuckerhut picknicken! Da sind lauter kleine Picknicktische im Wäldchen, das sich auf der Spitze befindet - echt! ... aber anscheinend wussten das all die anderen Menschen auch nicht, denn wir haben niemanden picknicken gesehen.
Mein Favorit war die Tour mit dem "Bonde" einer Bimmelbahn, die vom Zentrum in ein historisches, ziemlich alternatives Viertel (Santa Teresa) fährt. Eine Fahrt kostet 60 centavos, also weniger als 30 cent, aber das Bähnchen ist immer so voll, dass eh nicht alle reinpassen. Die müssen dann als Trittbrettfahrer mit (echt!) und brauchen gar nichts zu bezahlen! Außerdem fährt die ganze Strecke ein bis auf die Zähne bewaffneter Polizist mit, weil die Bahn anscheinend durch eine Favela fährt, aber so weit sind wir gar nicht gekommen, weil wir von Samba (live!) angelockt wurden und an einer Zwischenhaltestellte ausstiegen und den restlichen Tag auf einem Berg, bei einer Art Gemeindezentrum verbrachten, kaltes Bier schlürften, Samba hörten + tanzten und als es Abend wurde, wieder ganz entspannt zurückfuhren.
Nach diesem Tag war ich erst recht begeistert von Rio und wurde ganz wehmütig, am Montag abend wieder nach Sao Paulo zurückfahren zu müssen. Hier ist es zwar auch sehr nett, aber mit der Schönheit und Entspanntheit von Rio kann Sao Paulo einfach nicht mithalten (und mit dem Wetter sowieso nicht...).
Falls ihr mich besuchen wollt, komme ich auf jeden Fall nochmal mit nach Rio und wer es irgendwie einrichten kann, sollte sich diese wunderschöne Stadt mal anschauen!
Um euch einen Eindruck zu geben ist hier das Promo-Video für Olympia 2016 in Rio: http://www.youtube.com/watch?v=Z00jjc-WtZI&feature=fvw
Zum Schluss: Natürlich ist das Leben in den Favelas von Rio schlimm, wie ihr sicherlich in den letzten Wochen in den Nachrichten gesehen habt und es geht sogar soweit, dass Touristen "Favela-Tours" und "Favela-Parties" mitmachen und viel Geld dafür bezahlen um das Elend der Leute dort zu "bestaunen". Davon abgesehen ist die Stadt aber wunderschön und ich finde, das kann man nicht oft genug sagen :)
P.S. Fotos nächste Woche
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